Samstag, 16. August 2008

Kleinigkeiten

.. Es is wahr, die Psychoanalyse kann nicht von sich rühmen, daß sie sich nie mit Kleinigkeiten angegeben hat. Im Gegenteil, ihren Beobachtungsstoff bilden gewöhnlich jene unscheinbaren Vorkomnisse, die von den anderen Wissenschaften als allzu geringfügig bei Seite geworfen werden, sozusagen der Abhub der Erscheinungswelt. Aber verwechseln Sie in Ihrer Kritik nicht die Großartigkeit der probleme mit Auffäligkeit der Zeichnen? Gibt es nicht sehr bedeutungsvolle Dinge, die sich unter gewissen Bedingungen und zu gewissen Zeiten nur zur Schache Anzeichnen verraten können? Ich könnte Ihnen mit Leichtigkeit mehrere Solche Situationen anführen. Aus welchem geringfühigen Anzeichen schließen Sie, die jungen Männer unter Ihnen, daß Sie die Neigung einer Dame gewonnen haben? Warten Sie dafür eine ausdrückliche Liebeserklärung, eine stürmiche Umarmung ab, oder reicht Ihnen nicht ein von anderen kaum bemerkter Blick, eine flüchtige Bewegung, eine Verlängerung des Händedrucks um eine Sekunde aus? Und wenn Sie alsKriminalbeamter an der Untersucung einer Mordtat beteiligt sind, erwarten Sie dann wirklich yu finden, daß der Mörder seine Photographie samt beigefügte Adresse an de Tatorte zurückgelassen hat, oder werden Sie sich nicht notwendigerweise mit schwächerem und undeutlicheren Spuren der gesuchten Persönlichkeit begnügen? Lassen Sie uns also die kleinen Anzeichnen nicht unterschätzen; vielleicht gelingt es, von Ihnen aus größerem auf die Spur zu kommen. Und dann, ich denke wie Sie, daß die großen Probleme in Welt und Wissenschaft das erste anrecht an unser Interesse haben. Aber es nützt meistens nur sehr wenig, wenn man den lauten Vorsatz faßt, sich jetzt der Erforschung dieses oder jenes großen Problems zuzuwenden. Man weiß dann oft nicht, wohin man den nächsten Schritt richten soll. In der wissenchaftlichen Atbeit ist es aussichtreicher, das anzugreifen, was man gerade vor sich hat und zu dessen Erforschung sich ein Weg ergibt. Macht man das gründlich, voraussetzung- und erwartungslos und hat man Glück, so kann sch infolge des Zusammenhanges, der alles mit allem verknüpft, auch das Kleine mit dem Großen, auch aus so anschpruchsloser Arbeit ein Zugang zum Studium der großen Probleme ergeben.
(Sigm.Freud Gesammelte Werke chronologisch geordnet.
Elfter Band äVorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
1940 Imago Publishing Co., Ltd., London)
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